Arbeiterkinder haben geringere Chancen aufs Studium

Studentenwerk präsentiert Sozialerhebung - Bafög-Erhöhung gefordert - Jeder Fünfte hat weniger als 585 Euro

Kinder aus Beamtenfamilien, in denen mindestens ein Elternteil studiert hat, haben eine fünfeinhalb Mal so hohe Studierchance wie Kinder aus Arbeiterfamilien. Dies zeigt die heute in Berlin präsentierte 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW). Um mehr Studenten aus hochschulfernen Schichten zu gewinnen, forderten DSW, Grüne, Die Linke und SPD eine Bafög-Erhöhung.

In der vom Bildungsministerium finanzierten Studie wurden im Sommersemester 2006 rund 17.000 Studenten befragt. Sie wird alle drei Jahre vom Hochschul-Informations-System durchgeführt. Die Bundesregierung hatte in ihrer Koalitionsvereinbarung das Ziel gesetzt, dass 40 Prozent eines Jahrgangs studieren sollen. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts kam Deutschland 2005 wie in den Vorjahren auf eine Studienanfängerquote von 37 Prozent.

Laut Erhebung schaffen von 100 Akademikerkindern 83 den Hochschulzugang, dagegen nur 23 von 100 Kindern aus Familien ohne akademische Tradition. Viele Studenten haben nicht viel Geld zur Verfügung: Jeder Fünfte muss der Erhebung zufolge mit weniger als dem Bafög-Höchstsatz von 585 Euro im Monat auskommen. Jeder Dritte hat weniger als 640 Euro - das ist der Betrag, den Familiengerichte als Orientierungswert für den Elternunterhalt festgelegt haben. Im Durchschnitt haben die Studenten 770 Euro zur Verfügung.

Der Präsident des Deutschen Studentenwerks, Rolf Dobischat, forderte die Bundesregierung auf, das Bafög nach sechs Jahren Stillstand zu erhöhen. Die Freibeträge müssten um 8,7 Prozent, die Bedarfssätze um 10,3 Prozent angehoben werden. Derzeit beziehen rund ein Viertel der zwei Millionen Studenten Bafög. Laut Sozialerhebung könnten 79 Prozent der Geförderten ohne Bafög nicht studieren.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hatte Anfang Juni angekündigt, dass Bafög-Empfänger erst ab 2008 mehr Geld bekommen sollen. Die Bafög-Sätze sollten in den nächsten zwei Jahren um insgesamt zehn Prozent erhöht werden. 2008 solle es die erste Erhöhung geben, die zweite Stufe sei für 2009 geplant. Die Freibeträge beim Bafög sollen zeitgleich um acht Prozent steigen.

„Beschämend für eine Demokratie“

DSW-Präsident Rolf Dobischat nannte die soziale Selektivität des deutschen Hochschulsystems „beschämend für eine Demokratie“. Die Rekrutierungspotenziale für mehr Akademiker aus den hochschulnahen Bildungsmilieus seien ausgeschöpft. Die zusätzlichen Hochqualifizierten, die Deutschland dringend benötige, müssten aus den hochschulfernen und einkommensschwächeren Schichten durch eine Bafög-Stärkung mobilisiert werden.

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bildungsministerium, Andreas Storm, sagte, um die Zahl der Studierenden zu erhöhen, sei erst vor wenigen Tagen der Hochschulpakt von Bund und Ländern unterschrieben worden. „Mit dem Pakt wird der Bund die Länder und die Hochschulen finanziell in die Lage versetzen, bis 2010 insgesamt 91.370 zusätzliche Studienanfänger aufzunehmen.“

Grüne, Die Linke und SPD-Politiker forderten angesichts der Ergebnisse eine Bafög-Erhöhung. Der forschungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Jörg Tauss, und die zuständige Berichterstatterin Renate Schmidt kritisierten die Einführung von Studiengebühren in unionsgeführten Bundesländern.

[19.06.2007]  AP

Geposted von Alexander Schopf am 20.06.2007 | In Deutschland, Bildung |

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