Deutsche Radarfallen in Afghanistan – Bürokratie bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr

Auszüge aus einem Bericht von Christian Thiels, ARD-Hauptstadtstudio Berlin http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID7370650,00.html

Durstig fliegen, Müll trennen, Knöllchen zahlen

Für Sicherheit im Land sorgen und den zivilen Aufbau fördern – das ist die Aufgabe der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan. Bürokratische Vorschriften machen den Soldaten allerdings das Leben schwer. Im Feldlager gibt es Radarfallen, und Altreifen müssen umständlich in Deutschland entsorgt werden.

Sie schützen Lager der Bundeswehr, fahren Patrouille und bringen sich dabei in Lebensgefahr – doch deutsche Militärpolizisten in Afghanistan haben noch eine andere Mission. In vielen Feldlagern der Bundeswehr sorgen sie penibel für die Einhaltung der deutschen Straßenverkehrsordnung. Die Geschwindigkeitskontrollen ziehen dabei schon einmal drakonische Strafen nach sich. Was in Mannheim ein Knöllchen über 30 Euro bedeutet, kann in Masar-i-Sharif schon mal 300 Euro kosten.

Alte Autoreifen zur Entsorgung nach Deutschland
Die Radarfalle im Feldlager ist nicht der einzige Fall von deutscher Gründlichkeit, der beim Wehrbeauftragten Reinhold Robbe beklagt wird. “Es ist nicht einsehbar, wenn in den Einsatzgebieten Müll getrennt wird, dieser dann aber von einheimischen Firmen auf eine Müllkippe geschmissen wird”, kritisiert Robbe. Unverständlich sei auch, wenn ausgediente Auto- oder Flugzeugreifen nach Deutschland zurück transportiert werden, statt sie in den Einsatzgebieten zu entsorgen. Und das, obwohl die Afghanen auch abgefahrene Reifen gerne noch ein paar Jahre nutzen würden.

Lampe kaputt, Fahrzeug stillgelegt
Zugleich werden bei der deutschen Truppe Fahrzeuge stillgelegt, wenn sie nur geringste technische Mängel haben. Wenn etwa kleine Kontrollleuchten nicht mehr brennen, besteht zwar kein Risiko für den Fahrer, doch die zuständigen Instandsetzer – so eine Art Autoreparatur-Einheit – wollen nichts riskieren. Vor allem, wenn es keine lupenreine Vorschriftenlage gibt. Im Kongo hatten Soldaten zum Schutz vor Steinwerfern Gitter über den Fenstern ihrer Autos angebracht. Weil es dafür keine technische Erlaubnis gab, musste alles wieder abgebaut werden. “Wir haben eine sich selbst nährende Bürokratie, die zuweilen den Tatbestand der Sabotage erfüllt”, formuliert es ein Bundeswehr-General – wenn Kamera und Mikrofon aus sind.
Das Verteidigungsministerium versucht, gegenzusteuern. Man habe ein System eingeführt, in dem Vorschläge zum Bürokratieabbau gemacht werden könnten, sagt Staatssekretär Thomas Kossendey. “Wir haben 125 Vorschläge bekommen, von denen wir über 30 mittlerweile umsetzen und die Arbeit für die Soldatinnen und Soldaten im Einsatz erleichtern konnten.”

Soldaten fliegen ohne Munition zum Einsatz in Kundus
Auch für Kossendey ist die Bürokratie nicht Neues. Bei Truppenbesuchen bekam er besonders skurrile Fälle direkt geschildert. Soldaten, die zu den ersten Kontingenten für den Einsatz in Kundus gehörten, erzählten, dass sie zwar ihre Waffen mit ins Flugzeug nehmen durften – die Munition wurde wegen der Vorschriften aber mit dem nächsten Flieger hinterhergeschickt. “Das hätte dazu geführt, dass die mit ihren Gewehren höchstens hätten drohen können, wenn sie bald nach der Landung in eine brenzlige Situation gekommen wären”, sagt der CDU-Politiker. Diese Praxis habe man dann aber schnell abgestellt.

Anti-Terror-Vorschriften sorgen für durstige Soldaten
Genauso unverständlich war für viele Soldaten, dass auch für sie die Regeln im internationalen Luftverkehr gelten. Etwa, dass für lange Flüge an den Hindukusch nur maximal 100 Milliliter Flüssigkeit mit an Bord genommen werden dürfen. Einen Bordservice gibt es aber bei der Luftwaffe nicht, hier serviert keine Stewardess Kaffee und kalte Getränke. Für die Soldaten hieß es also: durstig bleiben. Auf den bundeswehreigenen Flugplätzen habe man diese Regelung ausgesetzt, erklärt Kossendey. Sehr viele Transportflüge Richtung Afghanistan starten aber vom zivilen Flughafen Köln-Bonn – und dann gilt das Flüssigkeitsverbot wieder.”