Blauer Brief für Kultusminister

In einer unveröffentlichten Studie fordern Deutschlands führende Bildungsforscher einen grundlegenden Strategiewandel: Die Schulpolitik muss sich endlich der Sorgenkinder annehmen

Komm her, Knab! Lerne Weißheit.Gib kein Gutachten in Auftrag, dessen Ergebnisse du nicht vorher kennst. So lautet Regel Nummer eins für den politischen Umgang mit wissenschaftlichen Expertisen. Wenn sie nicht greift, tritt Regel Nummer zwei in Kraft: Deklariere die Erkenntnisse von vornherein als »nicht zur Veröffentlichung bestimmt«. Diese Strategie verfolgten die Kultusminister von Bund und Ländern Ende vergangenen Jahres, als sie einen Kreis führender Bildungsforscher um Rat baten. Die Professoren sollten die Ergebnisse der jüngsten internationalen Leistungsvergleiche Pisa und Iglu interpretieren und Empfehlungen für die zukünftige Schulpolitik geben.

Die Wissenschaftler nutzten ihre Chance, keine allzu große diplomatische Rücksicht nehmen zu müssen, und formulierten eine Stellungnahme, die sich streckenweise wie ein blauer Brief an die Kultusminister liest. Seit Anfang Januar liegt das Gutachten vor, in dem die Forscher ihre Auftraggeber angesichts ungelöster Probleme zu schnellem Handeln drängen. Doch bislang haben die Kultusminister sich mit dem brisanten Gutachten nicht befasst.

Die Kernforderung des 24-seitigen Papiers, das der ZEIT vorliegt, lautet: Die Bildungsgewaltigen in den Ländern müssen endlich beginnen, die leistungsschwächsten Schüler »systematisch und massiv zu fördern«. Unter anderem fordern die Experten für die betroffenen Jugendlichen Unterricht an Nachmittagen, Wochenenden und in den Ferien. Ohne solche zusätzlichen Lerngelegenheiten werde »sich kein Erfolg einstellen«.

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Quelle: http://www.zeit.de/2008/24/B-Blauer-Brief?page=1