DEUTSCHE PROVINZ: Verlassenes Land, verlorenes Land
Wissenschaftler sprechen von einer sozialen Zeitbombe. Durch Geburtenschwund, Arbeitslosigkeit und Massenabwanderung droht sich der ländliche Raum in einen “Ozean von Armut und Demenz” zu verwandeln - eine Entwicklung, die ein Kartell der Parteien tabuisiert.
Monatelang durchstreifte Wolfgang Büscher auf Wanderschuhen die grenznahen Ecken und Enden der Bundesrepublik. Unlängst, in seinem Bestseller “Deutschland, eine Reise”, bilanzierte der preisgekrönte Autor, ihm sei auf dem langen Marsch durch die Grenzregionen klar geworden, dass sein Heimatland “große geisterhafte Teile” umfasse.
Manche gottverlassene Gegend jottwedeh, schrieb der reisende Reporter, erinnere an “verbotene Flügel eines weitläufigen Hauses, die nicht betreten werden dürfen”.
Finster war’s an der Ostseeküstte Industriestadt Guben an der Neiße. Dort fand er nicht nur bestätigt, wovor er tags zuvor gewarnt worden war: “dass es kein Wirtshaus in Guben gab”. Büscher: “Es war so, dass es Guben nicht gab.
“Provinzialisierung der Provinz”
Ähnlich verstört wie Büscher reagieren Reisende, die sich in der westdeutschen Provinz umtun, weit abseits der Rennstrecken und der Ballungszentren. Wenn der baden-württembergische Autor Rüdiger Bäßler in die dörfliche Welt zurückkehrt, deren Enge er einst als junger Mann entflohen ist, dann befällt ihn “Mitleid an Stelle von Überdruss” angesichts all der “verwitternden Bahnhofsgebäude, pflanzenbewucherten Gehwege, zerfallenden Spielplatzgeräte, leeren, staubblinden Schaufenster” - für ihn traurige Symptome einer rapide fortschreitenden “Provinzialisierung der Provinz”.
Quelle: SPIEGELONLINE
Mehr und mehr Merkmale schleichenden Verfalls hat auch die frühere Agrarministerin Renate Künast bei ihren Dienstfahrten ins ländliche Deutschland, Ost wie West, bemerkt. “Sie können durch Dörfer gehen, in denen gibt es eigentlich nichts mehr”, erzählt sie. “Wo ein Mastbetrieb war, fällt heute der Stall zusammen. Die Dorfkneipe liegt im Dornröschenschlaf. Die Jungen haben die Gegend verlassen.”
Die Grüne Künast zählt innerhalb der politischen Klasse zu den Ausnahmeerscheinungen. Die meisten ihrer Kollegen in den Hauptstädten von Bund und Ländern verdrängen lieber, dass der grassierende Geburtenschwund und die Arbeitslosigkeit, die Vergreisung und die Abwanderung vielerorts ein verlorenes Land hinterlassen haben, keineswegs nur auf dem Gebiet der einstigen DDR - Dunkeldeutschland goes West.
“Ab in die Wälder - Wölfe treten an die Stelle der Menschen”
Ausländische Beobachter scheinen dem Phänomen mehr Aufmerksamkeit zu widmen als manch ein deutscher Großstädter, dem die breiten Speckgürtel rund um die Metropolen den Blick auf den galoppierenden Niedergang an den Rändern des Landes und tief in seinem Innern verstellen.
“Ab in die Wälder” - so war voriges Jahr eine Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins “Newsweek” überschrieben, das die europaweite Entvölkerung des ländlichen Raumes grell beleuchtete: Auch in Deutschland fielen ganze Landstriche “zurück in den urzeitlichen Zustand, Wölfe treten an die Stelle des Menschen”. Und die “Neue Zürcher Zeitung” berichtete schon über Mahnungen, die Landflucht vor allem jüngerer, besser gebildeter Deutscher führe unweigerlich zur “Verödung” und “Verblödung” weiter Teile der Bundesrepublik.
Wissenschaftler, die dem Trend seit längerem in ihren Studierstuben und auf Symposien nachgehen, sind sich über die fatalen Folgen der Entwicklung weithin einig: In Ost- wie Westdeutschland schrumpft auf Grund der niedrigen Geburtenrate die Bevölkerung - kaum spürbar vorerst noch in einigen Ballungsgebieten, rasend schnell aber in jenen provinziellen Zonen, die nicht von Zuzug und Zuwanderung profitieren können, sondern, im Gegenteil, selbst unter massenhafter Landflucht in wirtschaftlich stärkere Regionen leiden, vor allem in den reichen Süden der Republik.
“Erst keine Kinder zeugen und dann nicht sterben wollen”
“Seit Jahrzehnten werden in Deutschland weniger Menschen geboren als sterben. Mittlerweile können selbst Zuwanderungen den natürlichen Schwund nicht mehr aufhalten - das Land hat begonnen zu schrumpfen. Regional tun sich bereits jetzt enorme Verwerfungen auf”, kommentiert das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung das Ergebnis seiner jüngsten Studie, die morgen veröffentlicht wird. Stadt für Stadt, Kreis für Kreis analysieren die Experten die Perspektiven - von Berlin (”Marode Hauptstadt, florierendes Umland, sieche Peripherie” über Sachsen-Anhalt (”Land der Leere”) bis hin zum Saarland (”Wo der Westen heute schon schrumpft”).
“Dass die Deutschen erst keine Kinder zeugen und dann nicht sterben wollen”, wie der Historiker Michael Stürmer die tückische Kombination von sinkender Geburtenzahl und steigender Lebenserwartung beschreibt, macht schon heute ganze Landstriche zu Verliererregionen mit schrumpfender und zugleich überalterter Bevölkerung.
Der “demografische Wandel” finde “überall in Deutschland” statt, doziert der Berliner Wirtschaftswissenschaftler Ulrich Busch, im Osten allerdings habe er sich bereits zur “demografischen Katastrophe” ausgewachsen. Busch: “Großstädte wie Halle, Magdeburg, Frankfurt (Oder), Cottbus, Neubrandenburg, Gera und Dessau verlieren innerhalb weniger Jahrzehnte bis zur Hälfte ihrer Einwohner.” Der Ökonom weiß, dass es für Außenstehende “kaum vorstellbar” ist, “was es für eine Stadt mit früher mehr als 300.000 Einwohnern wie Halle oder Magdeburg bedeutet, innerhalb von zwei Generationen auf 150.000 herunterzugehen”.
Während die großen Städte schrumpfen, sterben bereits die Dörfer. “Ganze Regionen wie Nordthüringen, Ostprignitz, Altmark, Uckermark, Vorpommern und die Lausitz sind der Verödung preisgegeben,” konstatiert Busch. In Vorpommern beispielsweise, das mit knapp 500.000 Einwohnern nur noch 65 Prozent der Bevölkerung von 1970 hat, würden Wüstungen, also aufgegebene Siedlungsstätten, allmählich zum “Flächenphänomen”, hat der Greifswalder Bevölkerungswissenschaftler Helmut Klüter beobachtet.
Einwanderer ziehen nicht in die schrumpfenden Zonen
Dort und anderswo, abseits der prosperierenden Städte und ihres Umlandes, vollziehen sich sogenannte “kumulative Schrumpfungsprozesse”, rotieren tückische Teufelskreise. Wirtschaftsprobleme - Abwanderung - vermehrte Wirtschaftsprobleme - vermehrte Abwanderung und so weiter und so fort: Eine Abwärtsspirale ohne Ende führt nach dem Urteil der Experten dazu, dass sich Deutschland in Ost und West ähnlich tiefgreifend verändern wird wie zuletzt im Mittelalter. Weiterlesen —>



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