Gedanken zu den Olympischen Spielen in China

Chinesische FlaggeExkurs über die Macht des Geldes und der Eitelkeit, am Beispiel unserer heutigen globalisierten Gesellschaft

Ein Text von Effi Eichmüller (LHG Tübingen), Karen-Chris Heinrich und Canan Tepe —> Text als PDF herunterladen

In unserer heutigen westlichen Gesellschaft halten wir uns für moralisch korrekt und zivilisiert. Unser Leben bestimmt sich nach festgesetzten Normen und Werten, die für uns der Ethik und Sittlichkeit Rechnung tragen. Die meisten westlichen Länder sind alle im UN-Sicherheitsrat vertreten, die meisten Länder sind Mitglieder der UNO und haben Menschenrechtskonventionen, wie die EMRK-Richtlinien und UNO-Pakete, unterzeichnet. Wir reden alle von Gerechtigkeit, Gewaltlosigkeit, Respekt und Menschenrechten, sehen uns als Verfechter des Friedens auf der Welt und preisen unsere Rechtssysteme, unsere Demokratien, unsere Freiheiten und unserer, der Moral unterstehenden, Handlungsweisen. Das ist die pure Selbstüberschätzung, eine vermessene Einbildung und nur ein Merkmal unserer eigenen Eitelkeit. Dies hat sich anhand des Hintergrundes der Olympischen Spiele in China und der Idee eines damit verbundenen Boykotts deutlich gezeigt.
Wie könnten wir sonst folgende objektive Tatsachen beobachten, verurteilen und dennoch hinnehmen und tatenlos bleiben?

1. Die Vergabe

Im Jahre 2001 wurden die Olympischen Spiele von Juan Antonia Samaranch, als Präsident der IOC, an Peking vergeben. Zunächst stellt sich die Frage, wie dies passieren konnte, wo doch China zu den Ländern mit den größten Menschenrechtsverletzungen gehörte. Angeblich wollte man China eine Chance geben, mit der verantwortungsvollen Aufgabe als Austragungsland der Olympischen Spiele, sich hinsichtlich seiner Handlungsweisen zu mäßigen und sich durch diese Aufgabe verpflichtet zu fühlen, sich dem westlich demokratischen System mehr anzugleichen. Wer nach diesem Tatbestand behauptet, „die Olympischen Spiele dürften nicht politisiert werden“ hat immer noch nicht begriffen, dass die Spiele seit jeher politisiert worden sind!
Nach der olympischen Charta und deren Kriterien hätten die Spiele niemals an China vergeben werden dürfen!

Tibetische Flagge2. Tibet

Was genau in Tibet alles abgelaufen ist, kann niemand sagen. Alle Journalisten und Ausländer wurden des Landes verwiesen, Augenzeugen waren nicht erwünscht. Fest steht nur, dass die chinesische Regierung seit Jahrzehnten Tibet unterdrückt, den Menschen ihre Religion, die Kultur und die Freiheit raubt. Die Klöster und alten künstlerischen Wohnhäuser der Innenstadt werden zerstört, um den Tibetern jegliche Identität zu nehmen; um sie willenlos und geschwächt in das chinesische System einzufügen. Dieser Prozess vollzieht sich seit Jahren – niemand reagierte darauf. Nun haben die Tibeter zu dem Zeitpunkt, an dem die Augen der Welt auf China gerichtet sind, Protestaktionen gestartet. Man kann nicht wegschauen – zumindest momentan nicht. Nachdem die Olympischen Spiele in China beendet sind, wird man sich nicht mehr dafür interessieren: Aus den Augen – aus dem Sinn.

3. In China selbst

Die Bevölkerung des Landes leidet unter der Herrschaft des Regimes. Freie Information ist in China ein Fremdwort, Pressefreiheit, so wie wir sie kennen, gibt es dort nicht. Der kommunistischen Führung zufolge, haben Journalisten grundsätzlich dem Staat zu dienen. Nirgendwo sonst sitzen so viele Journalisten hinter Gittern wie in China. Als Gründe dafür geben die chinesischen Behörden „konterrevolutionäre Aktivitäten“, die „Verbreitung von Staatsgeheimnissen“ oder „Subversion“ an. Intellektuelle, die sich zu weit vorwagen, müssen damit rechnen, dass die offiziellen Medien sie tot schweigen. Wer in China eine andere Meinung als die, welche die Regierung erlaubt vertritt, riskiert Gefängnis, Folter oder auch hingerichtet zu werden.
Location Auf 69 Verbrechen steht in China die Todesstrafe. Angefangen von Gewaltdelikten wie Mord, über gewaltfreie Vergehen wie Steuerflucht, bis hin zur Korruption. In keinem anderem Land der Erde wird die Todesstrafe so exzessiv angewendet wie in China. Wie viele Menschen pro Jahr im Reich der Mitte tatsächlich hingerichtet werden, darüber kann nur spekuliert werden. Bei der Vollstreckung der Todesstrafe regiert dabei das Zweiklassensystem. Genickschuss für die Armen, Todesspritze für die Reichen.
Doch nicht genug damit, dass dabei eine Vielzahl an Unschuldigen zu Tode kommen, zusätzlich werden den Hingerichteten illegal Organe entnommen. Mittlerweile wurden für den von der Regierung
bestrittenen Organhandel vielfach Beweise und Zeugen gefunden. Es werden Nieren, Leber, Herz und sogar die Haut Hingerichteter systematisch verwertet. Zum Teil werden die Organe zahlungskräftigen Ausländern eingesetzt. Durch den illegalen Organhandel hervorgerufenen Transplantationsboom profitieren unter anderem auch westliche Konzerne.

4. Boykott

Es stellt sich nun die Frage, ob ein Boykott Sinn machen würde. Von Vielen wird dies verneint. Seit 1928 werden die Olympischen Spiele immer wieder von einzelnen Ländern oder Gruppen boykottiert. Warum lehnt sich jeder dagegen auf, China zu boykottierten? Warum gibt es nur lahme Worte von den Regierungen, wie: „China solle sich mäßigen“? Haben wir Angst vor China? Angst vor den Folgen? Über Jahre hinweg wurde Süd-Afrika wegen der Apartheids-Politik von den Spielen ausgeschlossen, aber China mit Folterstrafen, den Hinrichtungen, den gesellschaftlichen Zwängen, der Unterstützung von Völkermorden, mit der grausamen mitleidslosen Vorgehensweise bei der Zerstörung der tibetischen Kultur.
China mit seinen Arbeits- und Umerziehungslagern, mit seiner Regierung, die weder Menschen- noch Tierwürde akzeptiert und schützt, mit einer Regierung, die den Dalai Lama als „Wolf in Mönchskutte und Teufel mit dem Gesicht eines Menschen, einer Bestie“ beschimpft, wird gefördert, wird eingegliedert in die westliche Gesellschaft und nicht, wie Südafrika, ausgeschlossen.
Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen China und Südafrika:
Die wirtschaftliche Macht! Chinas Wirtschaftswachstum beträgt circa 11%, die Anzahl der Millionäre ist in einem Jahr, um mehr als das sechsfache gestiegen, das Land China ist größer als Europa und die Gesamtbevölkerung beträgt: 1,3 Milliarden.
China ist mächtig, hält die Fäden in der Hand. Die westlichen Gesellschaften betreiben regen Handel und Austausch mit dem Reich der Mitte. Enorme Gelder fließen hin und her. Die Olympischen Spielen sind mit riesigen Summen verbunden. Sponsoren, Werbebranche, Sportindustrie und der Tourismus verdienen Unsummen innerhalb dieser weniger Wochen während den Spielen!
Das ist der Grund, weshalb niemand die Spiele boykottieren will! Wirtschaftliche Sanktionen werden niemals in die Realität umgesetzt, weil sich die westlichen Länder dadurch selbst schaden würden! Nach den Spielen wird niemand mehr einen Gedanken an die Situation in China verlieren! Es wird einfach alles so fortgesetzt, wie es bis dahin der Regelfall war und die chinesische Regierung wird nichts an Kritik aufgenommen haben.
Wer glaubt, indem man nicht boykottiere, würde man China indirekt dazu zwingen, sich unserer Welt und unseren Werten anzupassen, und man würde das Regime durch unsere bloße Anwesenheit zur Vernunft bekehren, unterliegt einem Trugschluss und hat die Geschichte Chinas in den letzten Monaten und Jahren nicht verfolgt!
Unsere Anwesenheit, dem Zuschauen der Spiele vor Ort und im Fernsehen, wird den Patriotismus Chinas nur stärken. Wenn wir ihre Bauten bewundern, die Sauberkeit loben, den Wohlstand rühmen und in den Stadien den Zeremonien zujubeln und die tolle Show honorieren! Wahrlich eine Show! Denn wir werden einem Land zujubeln und an den Spielen Spaß haben, für die andere bluten und sterben mussten. Für die Menschen ausgebeutet und unterdrückt wurden. Wir werden auf sauberen und modernen Straßen fahren und laufen, für die über 200.000 herrenlose Hunde und Katzen in kürzester Zeit gequält, erschlagen und zerstückelt werden mussten. Wir werden in den Stadien sitzen, die von Wanderarbeitern für 4 Euro am Tag, unter menschenunwürdigen Bedingungen gebaut wurden und in denen manche von den Stahlgerüsten in den Tod gefallen sind.
Unsere Anwesenheit, der Jubel und die Feiern wird China in sich selbst stärken, wird ihnen zum weiteren Aufschwung verhelfen, wird den nationalen Zusammenhalt stärken und sie bestätigen.
Aber Eines werden die Olympischen Spiele nicht bewirken:
Die kritische Auseinandersetzung fördern, China zeigen, der Welt zeigen, dass wir gegen diesen Umgang mit dem Leben und der Umwelt sind. China deutlich machen, dass sich das Land nicht alles herausnehmen kann, ohne Konsequenzen zu spüren. War Tibet nicht das beste Beispiel? Alle Welt schaute auf China! Die Regierungen meldeten sich zu Wort, verurteilten das Geschehen und was war die Reaktion der chinesischen Regierenden? Sie gingen mit noch mehr Brutalität und Härte vor und verwiesen alle anderen des Landes, um keine Zeugen für die Verbrechen zuzulassen. Es war China völlig egal, was der Westen dachte, sie blieben auf ihrem Kurs. Sie haben ja auch nichts zu befürchten, denn sie wissen eines genauso gut wie wir:
Dass unser ethisches, moralisches und sittliches System nur unserer Selbstgefälligkeit und Selbstzufriedenheit dient, aber dass wir im Endeffekt auch nur von Geld, der Wirtschaft und Macht getrieben sind und dafür anscheinend genauso über Leichen gehen, wie die chinesischen Regierung!
Indem wir einfach nicht hinsehen und uns die Illusion einreden, das Land würde mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und der Zusammenarbeit mit dem Westen automatisch freiheitlich und demokratisch werden, zeigt sich unsere Lethargie und Passivität.
Diese Hoffnung ist nur getragen vom Egoismus und der Feigheit und schließlich ist diese Reaktionslosigkeit und das Hinnehmen der Tatsachen für den eigenen Vorteil, ein Beispiel der eigenen Unsittlichkeit, Brutalität und Falschheit, weil damit letztendlich die Handlungsweisen Chinas vielmehr unterstützt und stillschweigend akzeptiert werden.
Es geht hier nicht nur um ein Boykott der Sportler und damit der Regierungen! Wieso zeigen WIR nicht, dass auch wir sehen, hören und wissen!?

Geposted von Alexander Schopf am 18.04.2008 | In Menschenrechte, Weltpolitik |


2 Antworten auf “Gedanken zu den Olympischen Spielen in China”

  1. Admin Sagt:

    China sperrt ausländische Studierende aus!

    Im Juli und August 2008 sollen ausländische Studierende sich nicht in China aufhalten dürfen. Auch Sommerkurse sollen abgesagt werden. Massive Beeinträchtigungen sind auch für die neu ankommenden Studierenden im Herbst zu erwarten.

    Quelle: http://www.lsf.at/joomla/index.php?option=com_content&task=view&id=95&Itemid=1

  2. reibfläche » Dalai Lama entzweit die SPD – Andere empfangen ihn! Sagt:

    […] Vollkommen unverständlich, was die SPD da abzieht, wie wir finden. Tibet darf nicht vergessen sein! Mehr zum Thema: http://lhg-bw.de/reibflache/gedanken-zu-den-olympischen-spielen-in-china/120/ […]

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