picidae – Kunst und das Ende der Zensur des Internets zugleich

banner_red_468.pngZwei Künstler entwickeln ein System zur Umgehung von Internetzensur

von Alfred Krüger

In vielen Ländern wird das Internet zensiert. Inhalte werden gefiltert, Webseiten für den Zugriff gesperrt. Zwei Schweizer Künstler haben ein System entwickelt, mit dem sich die Zensur im Netz umgehen lässt – bis die Zensoren ihre Filter aufrüsten.

Die Liste der Staaten, die das Internet zensieren, ist lang. Die Organisation Reporter ohne Grenzen führt in ihrem Jahresbericht 2006 all jene Länder auf, in denen Meinungs- und Informationsfreiheit klein geschrieben und der freie Zugriff auf das Internet massiv beschränkt wird. Nord-Korea, Iran, Weißrussland, Kuba oder Saudi-Arabien gehören zu den eifrigsten Zensoren. Nicht nur pornografische Webseiten werden hier blockiert. Den Machthabern in diesen Ländern geht es vorrangig um politische Zensur.

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Quelle: http://www.zdf.de/ZDFheute/inhalt/29/0,3672,7001629,00.html

“Keimfreie” WWW-Version

China zählt zu jenen Staaten, die das Internet besonders gründlich von regimekritischen Inhalten säubern. Ein “cleverer Mix” aus Filtertechnologien und politischer Verfolgung von Cyber-Dissidenten sorge dafür, dass den chinesischen Internetnutzern eine staatlich kontrollierte, politisch “keimfreie” Version des World Wide Web vorgesetzt werde, sagen die Reporter ohne Grenzen.

Suchmaschinen wie Google spielen aus wirtschaftlichen Gründen fleißig mit. Sie schielen auf den expandierenden chinesischen Markt und filtern ihre Suchergebnislisten nach den Wünschen der Machthaber. Der chinesische Nutzer bekommt nur jenen Teil des World Wide Web serviert, den er genießen darf. “Kritische” Suchergebnisse werden getilgt.

Chinas Wirtschaft boomt. Das chinesische Internet und seine Nutzerzahlen expandieren. Bereits jetzt besitzen schätzungsweise 170 Millionen Chinesen einen Internetzugang. Eine ausgeklügelte Überwachungs- und Filtertechnik ist zur Kontrolle und Zensur erforderlich. Know-how und Hardware stammen zu großen Teilen aus dem Westen. Ohne den US-amerikanischen Netzwerkausrüster Cisco Systems wäre China nicht in der Lage, das Internet zu kontrollieren, behauptet Julien Pain von den Reportern ohne Grenzen.

“Server konnte nicht gefunden werden”

Seit dem Jahr 2000 wird in China das so genannte Golden Shield aufgebaut, die große chinesische Firewall, die Chinas Internet vom Rest der Welt abschotten soll – mit Erfolg. “Beim Aufruf kritischer Seiten erhält man eine Fehlermeldung”, erklärt Martin S.. Der 24-jährige Sinologe absolviert bei einer deutschen Firma in Shanghai ein mehrmonatiges Praktikum und hat den Zugriff auf das chinesische Netz getestet.

“Die englische Version der Wikipedia ist problemlos zu erreichen”, sagt er. Bestimmte Wikipedia-Artikel etwa über das Tienanmen-Massaker werden allerdings geblockt. “Man erhält in seinem Browser eine Fehlermeldung: ‘Netzwerk-Zeitüberschreitung: Der Server braucht zu lange, um eine Antwort zu senden’”, erläutert der Sinologe. Damit wird dem Surfer vorgegaukelt, dass die angewählte Seite aus unbekannten Gründen zumindest vorübergehend nicht erreichbar sei.

Die chinesische Zensur filtert das Netz anhand bestimmter Begriffe wie etwa “Menschenrechte” oder “Meinungsfreiheit”. Moderne Filtersoftware analysiert die Texte einer Webseite und blockiert sie, wenn “kritische” Begriffe gefunden werden. An diesem Punkt setzen die beiden Schweizer Künstler Christoph Wachter und Mathias Jud an. Mit Picidae haben sie ein System entwickelt, mit dem sich die chinesische Zensur überlisten lässt.

Mit Bildern gegen Internetzensur

Picidae ist lateinisch und bedeutet “Specht”. Und wie jene Mauerspechte, die 1989 beim Mauerfall Löcher in die Berliner Mauer pickten, fühlen sich auch die beiden Künstler. “Wir haben ein Loch in die chinesische Firewall geschlagen”, erklären Wachter und Jud auf ihrer Webseite. Ihr System ist auf den ersten Blick so einfach wie genial. Wer ein gesperrtes Internetangebot ansurfen will, ruft erst den Server der beiden Künstler auf. Es erscheint eine karge Webseite, die lediglich ein Eingabefeld enthält. Hier tippt der Surfer die gewünschte Webadresse ein.

Ein kleines JavaScript-Programm verschlüsselt die Adresse und schickt sie an den Schweizer Picidae-Server. Von dort aus wird die gewünschte Webseite aufgerufen und automatisch “fotografiert”. Die Links und Eingabefelder, die sich auf der Webseite befinden, bleiben erhalten. Die “fotografierte” Seite funktioniert also fast genauso wie das Original – mit einem Unterschied: Da die chinesischen Zensurbehörden nur Texte, nicht aber Bilder überprüfen, wird das “Webseitenfoto” anstandslos an den Nutzer ausgeliefert. Bildern gegenüber sind die Scanner der Zensurbehörden blind.

Das System funktioniert. “Über Picidae lassen sich auch gesperrte Seiten aufrufen”, sagt Martin S., der die Schweizer Webseite in Shanghai getestet hat. Auch die US-Version der Google-Suche ist erreichbar. Chinesische Surfer könnten sie benutzen und müssten nicht mehr auf die gefilterten Suchergebnislisten von Google China oder einheimischer Suchmaschinen zurückgreifen.

“Funktionstüchtig und zuverlässig”

Technische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Picidae funktioniert – anders als gängige Anonymisierungsdienste wie etwa TOR – ohne zusätzliche Hilfsprogramme. Das System zur Überwindung der Zensur könnte also problemlos von jedem chinesischen Internetcafé aus genutzt werden. Wachter und Jud sind im Frühjahr selbst nach China gereist und haben ihr System in Internetcafés vor Ort getestet.
“Alle Besucher der Cafés müssen sich strenger Ausweiskontrolle und Registrierung unterziehen”, berichten die beiden Künstler. “Die Räume sind mit den in China allgegenwärtigen Überwachungskameras ausgestattet. Doch auch unter den erschwerten Bedingungen skeptischer Observierung erwies sich Picidae als funktionsfähig und zuverlässig.” Wachter und Jud erhielten uneingeschränkten Zugriff auf das gesamte World Wide Web. “Unser Server belieferte uns mit den Webseiten, die nur auf der anderen Seite der Firewall zu erreichen sind” – so das Fazit.

Um Unterstützung wird gebeten

Einzelne Server können von der staatlichen Zensur geblockt werden. Für den nachhaltigen Erfolg des Picidae-Projekts müssen deshalb unabhängig voneinander über die ganze Welt verteilt viele Server aufgesetzt werden. Wachter und Jud rufen deshalb alle Computernutzer auf, ihr Projekt aktiv zu unterstützen. Interessierten bieten sie auf ihrer Webseite eine Anleitung an, wie man einen so genannten Pici-Server auf seinem eigenen Rechner installieren kann.
Ob das Konzept der beiden Künstler aufgeht, bleibt abzuwarten. Kritiker weisen darauf hin, dass es längst Scan-Programme gibt, die auch Bildinhalte analysieren können. Die abgebildeten Textelemente werden erkannt, gelesen und “verstanden”. Moderne Spamfilter etwa benutzen diese Technik, um aus dem E-Mail-Postfach den in Mode gekommenen Bilder-Spam herauszufiltern. Beim Bilder-Spam werden die unerwünschten Werbebotschaften in Grafiken versteckt. Was hindert die Zensurbehörden dieser Welt, solche Scanner einzusetzen, um auch die Bilder, die die Picidae-Server ausliefern, auf “kritische” Begriffe hin zu untersuchen?

Ein Gedanke zu “picidae – Kunst und das Ende der Zensur des Internets zugleich

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