Überall wird gespart: Auch an guter Redaktionsarbeit, wie der vorliegende Fall aus der Stuttgarter Zeitung zeigt. Und wer ist eigentlich “Markus Roth”?
Junge Liberale Baden-Württemberg – Noten für Erwerbslose gefordert Verfasst von Erik Raidt, veröffentlicht am 11. 06. 2010 in der Stuttgarter Zeitung (StZ) in einem vierspaltigen Artikel und bislang online hier zu finden. Jetzt aber nicht mehr, wie folgender Text zeigt: “Seite nicht verfügbar”
Aber wer ist überhaupt dieser dort vielzitierte Markus Roth (29), Doktorand an der Uni Stuttgart? Der im Artikel namentlich genannte Demonstrant ist kein Mitglied der Jungen Liberalen. Die Jungen Liberalen haben derweil Strafanzeige bei der Stuttgarter Polizei gestellt. Wie kann es aber sein, dass die Stuttgarter Zeitung den Artikel von Herrn Erik Raidt veröffentlicht, ohne diesen auf seinen Wahrheitsgehalt zu prüfen? Und wie kann es sein, dass Raidt diesen Artikel überhaupt schrieb, ohne den Sachverhalt auf Wahrheitsgehalt überprüft zu haben? Und was bedeutet das bezüglich des Wahrheitsgehalts von Artikeln, die in der Stuttgarter Zeitung generell veröffentlicht werden generell? Es besteht ein gewisser Grund zur Sorge. Als treuer Leser der Stuttgarter Zeitung sehne ich mich nicht nach dem Tag, an dem statt “Seite nicht verfügbar” etwas ganz anderes zu lesen sein könnte: “Zeitung nicht verfügbar”. Dazu darf es nicht kommen. Liebe StZ, sparen sie nicht an der Redaktionsarbeit, sonst sparen sich irgendwann ihre Leser ihre Zeitung!
Hier der Artikel, wie er bis heute Nachmittag im Internet zu lesen war (Quelle: http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2520704_0_9223_-die-jungen-liberalen-wollen-arbeitslose-benoten.html):
Es ist Tag drei, nachdem die schwarz-gelbe Koalition in Berlin das größte Sparpaket der Geschichte angekündigt hat. In Stuttgart brennt zur Mittagszeit die Sonne auf den nüchternen Bau der Agentur für Arbeit im Nordbahnhofviertel. Vor der Drehtür stehen drei Mitglieder der Jungen Liberalen Baden-Württemberg. Sie tragen gelbe Schals mit dem Parteilogo, sie wollen denjenigen, die Unterstützung vom Staat bekommen, erklären, warum es jetzt völlig richtig sei, dass manche dieser Leistung gekürzt werden sollen.
Markus Roth, 29, schreibt gerade an seiner Doktorarbeit im Fach Philosophie an der Uni Stuttgart. “Guten Tag, ich bin von den Jungen Liberalen und würde gerne mit ihnen über das Sparpaket reden”, sagt Roth und drückt einer Frau einen Zettel in die Hand, auf dem die örtliche Nachwuchsorganisation der FDP fünf Thesen zur großen Politik formuliert hat. Zwei davon lauten: “Streichung des Elterngelds für ALG-II- Empfänger, denn Armut soll sich nicht reproduzieren! Streichung des Heizkostenzuschusses für Wohngeldempfänger, damit alle ökologischer und effizienter Heizen!”
Wie menschenwürdig sind die Pläne?
Die Frau zieht hörbar die Luft ein, sie beginnt zu schwitzen, es liegt nicht nur an der Hitze. “Ich sehe keinen einzigen Punkt, den ich unterstützen kann. Ich weiß jetzt schon nicht, wie ich diese Pläne meinen Kunden erklären soll”, sagt die Mitarbeiterin der Agentur für Arbeit zum Jungen Liberalen. “Dann müssen Sie sich überlegen, ob sie an dieser Stelle richtig sind”, entgegnet ihr Markus Roth. “Ihre Pläne sind menschenunwürdig”, widerspricht die Frau.
Zwanzig Meter trennen an diesem Mittag die drei Schalträger der Julis von einer kleinen Gruppe der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die von der Aktion erfahren hat. “Das ist Zynismus pur”, dröhnt es aus dem Verdi-Megafon. “Ihr seid linke Sozialromantiker”, sagt ein Juli-Mann und winkt ab. Der Kleinkrieg vor der Arbeitsagentur bietet einen Vorgeschmack auf jene Auseinandersetzungen, die kommen werden.
Abwinken, Kopfschütteln, weitergehen
Markus Roth will “Deutschland in Schwung bringen”. Im Papier der Julis liest sich das so: “Insbesondere diejenigen, die arbeitslos geworden sind, sollten nicht weiter mit staatlicher Zwangsbeglückung von der Arbeitssuche abgehalten werden.” Künftig möge die Arbeitsagentur die Erwerbslosen testen und von diesen ein “Rating” erstellen. Die Unternehmen hätten es damit leichter, geeignete Bewerber auszuwählen. “Bei schlechten Noten könnten Leistungskürzungen für weitere Einsparungen genutzt werden.”
Die Reaktionen des Publikums auf diese Vorschläge unterscheiden sich kaum voneinander: Abwinken, Kopfschütteln, weitergehen. Markus Roth versucht weiter, ins Gespräch zu kommen. Eine Sonnenbrille hält die Haare aus seinem Gesicht. Ein Mann, der eine Jutetasche trägt, bleibt vor ihm stehen. “Ihr sagt, dass Hartz-IV-Empfänger über ihre Verhältnisse gelebt haben. Das ist dreist.” Der Mann lässt Markus Roth stehen, der “mehr positive Reaktionen erwartet” hätte. Nach einer halben Stunde verlassen die drei Jungliberalen den Platz vor der Drehtür. Die Verdi-Gruppe klatscht und singt: “Ihr könnt nach Hause gehen.”"
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Juni 11th, 2010 am 19:10
[…] Die „Stuttgarter Zeitung” hat heute eine Falschmeldung veröffentlicht, die eine angebliche Aktion der JuLis Stuttgart zum Inhalt hatte. Mittlerweile ist der Artikel im Angebot der „Stuttgarter Zeitung” nicht mehr verfügbar. Bei der „reibfläche” ist er jedoch nach wie vor in seiner ganzen Pracht und Hässlichkeit zu entdecken. (Tenor: JuLis wollen Arbeitslose benoten, Armut darf sich nicht reproduzieren, Arbeitslosenunterstützung streichen, etc.) […]