{"id":26,"date":"2004-12-01T13:05:13","date_gmt":"2004-12-01T13:05:13","guid":{"rendered":"http:\/\/lhg-bw.de\/mannheim\/2004\/12\/01\/schoene-neue-hochschulwelt\/"},"modified":"2008-04-09T13:07:38","modified_gmt":"2008-04-09T13:07:38","slug":"schoene-neue-hochschulwelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lhg-bw.de\/mannheim\/2004\/12\/01\/schoene-neue-hochschulwelt\/","title":{"rendered":"Sch\u00f6ne neue Hochschulwelt"},"content":{"rendered":"<div id=\"dslc-theme-content\"><div id=\"dslc-theme-content-inner\"><p>Die Diskussion um die Beteiligung der Studierenden an der Finanzierung des deutschen Hochschulsystems ist wohl so alt wie die knappen Haushalte. Seit Jahren streiten Experten, und solche die es glauben zu sein, darum ob und in welcher Form sich Studenten an ihrer Ausbildung finanziell beteiligen sollen. In Zeiten knapper Kassen m\u00fcssen alle mit anpacken, so ein Hauptargument derer, die mit immer weniger Einnahmen arbeiten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Doch eins vorweg: Wenn ich ab morgen 500 Euro f\u00fcr jedes Semester meines Studium bezahlen m\u00fcsste, dann w\u00fcrde mich das st\u00f6ren. Geld ist knapp, gerade in diesen Tagen. Mein Geld an den hochkomplexen Verwaltungsapparat des Staates zu geben l\u00f6st in mir ein gewisses Unbehagen aus. Ich m\u00f6chte wissen, was es mir bringt, diese Geb\u00fchr zu zahlen. Denn anders als f\u00fcr eine Steuer erwartet man f\u00fcr eine Geb\u00fchr eine direkte Gegenleistung. Damit also die Erhebung von Studiengeb\u00fchren akzeptabel ist, m\u00fcssen einige Voraussetzungen erf\u00fcllt sein, die sich grob in zwei Bereiche teilen lassen: Studiengeb\u00fchren m\u00fcssen sozialvertr\u00e4glich sein und den Hochschulen direkt und unmittelbar zu Gute kommen.<\/p>\n<p>Jede Form von Beteiligung der Studierenden darf nicht so gestaltet sein, das sozial schlechter Gestellte abgeschreckt werden. Gerade in der Chancengleichheit aller gesellschaftlichen Gruppen liegt ein gro\u00dfes Potential f\u00fcr die Zukunft. Die Gefahr dieses Potential zu verlieren ist gro\u00df, daher m\u00fcssen auf allen Ebenen der Beteiligung Anreize f\u00fcr s\u00e4mtliche Gesellschaftsschichten geschaffen werden.<\/p>\n<p>Die Durchsetzbarkeit und Akzeptanz eines Systems zur Studienfinanzierung wird von diesem Faktor ganz entscheidend abh\u00e4ngen. Weder unter den Studierenden noch unter der Bev\u00f6lkerung wird sich eine Zustimmung zu einem Modell finden, in dem zu bef\u00fcrchten ist, dass sozial Schwache von der Hochschulbildung ausgeschlossen werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Akzeptanz nicht minder wichtig ist aber den legalen Aspekt von Studiengeb\u00fchren zu betonen. Eine repr\u00e4sentative Forsa-Umfrage ergab eine Zustimmung zu Studiengeb\u00fchren in der Bev\u00f6lkerung von 54%, wenn diese der Hochschule direkt zu Gute kommen. Wenn diese im Staatshaushalt versickern sinkt die Zustimmung deutlich auf unter 30%.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit dem Themenkomplex der direkten F\u00f6rderung stehen einige weitere Aspekte, die im Folgenden nur kurz erw\u00e4hnt seien. Das System muss Anreize zum wirtschaftlichen Handeln der Verwaltung und der Hochschulen bieten, insbesondere muss es finanziell ergiebig sein. Wenn gro\u00dfe Teile der Einnahmen in einer b\u00fcrokratischen Verwaltung verschwinden, kann es keine Zustimmung geben. Es muss durchsetzbar sein, also Akzeptanz von allen Seiten finden. Ein ganz wichtiger Schritt dazu ist die Transparenz des Geldflusses. Jeder muss wissen, wof\u00fcr und wieso sein Geld eingesetzt wird.<\/p>\n<p>Um nun die genannten Bedingungen nicht nur einfach stehen zu lassen, soll ein Modell vorgestellt werden, das in etwa dieser Form seit vielen Jahren in der Schublade liegt. Bereits 1998 hat das Centrum f\u00fcr Hochschulentwicklung (CHE) ein Modell entwickelt in dem versucht wurde Vorteile der Beteiligung der Studierenden an der Finanzierung zu verst\u00e4rken und die Nachteile abzumildern. Dieses Modell war die Basis f\u00fcr zahlreiche weitere Vorschl\u00e4ge aus Politik und Wissenschaft.<\/p>\n<p>Darin ist eine Erhebung von Studiengeb\u00fchren pro Semester vorgesehen. Die genaue H\u00f6he der Geb\u00fchren kann von Land oder einzelner Hochschule selbst festgelegt werden, jedoch hat der Staat daf\u00fcr Sorge zu tragen das keine unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigen Geb\u00fchren erhoben werden. Die Erhebung pro Semester ist die einzig faire Berechnungsweise, zum einen werden Stu- dienfachwechsler dadurch nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig belastet und zum zweiten werden Leistungsanreize f\u00fcr Studierende geschaffen.<\/p>\n<p>Die Studiengeb\u00fchren werden sofort f\u00e4llig, d.h. in dem Semester in dem ein Student auch effektiv studiert, flie\u00dft der Hochschule auch Geld zu. F\u00fcr alle die Geb\u00fchren nicht sofort zahlen k\u00f6nnen \u2013 oder wollen \u2013 wird \u00fcber eine Landesinstitution Geld von einer Privatbank verliehen. Dies hat gleich mehrere positive Aspekte: Die Hochschulen haben in jedem Semester Geld proportional zur Anzahl ihrer Studenten zur Verf\u00fcgung. Die Studenten werden zu Kunden ihrer Universit\u00e4t, sie entscheiden wo sie ihr Geld ausgeben. Gleichzeitig wird keine staatliche Institution mit neuen Schulden belastet. Die Privatwirtschaft bringt \u201efrisches Geld\u201c in den Finanzierungskreislauf. Die zwischengeschaltete Landesinstitution \u00fcbernimmt dabei die Ausfallsicherung des Kredites, was zu niedrigeren Zinsen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Diejenigen, die sich f\u00fcr die Kreditaufnahme entscheiden, zahlen den Kreditbetrag dann zur\u00fcck, wenn sie nach Abschluss des Studiums ein gewisses Einkommen erreichen, das z.B. als Prozentsatz des Durchschnittseinkommens definiert werden kann. Hierbei wird pro Jahr ein gewisser Prozentsatz des Einkommens zur R\u00fcckzahlung f\u00e4llig. Wichtig ist dabei herauszustellen das der Gesamtbetrag der zur\u00fcck zu zahlen ist nicht von den j\u00e4hrlichen Raten abh\u00e4ngt. Wer also nach seinem Studium weniger verdient wird nicht durch zus\u00e4tzliche Zinsen belastet, er zahlt real den gleichen Betrag wie ein Spitzenverdiener.<\/p>\n<p>Um BAf\u00f6G-Empf\u00e4nger in der Zeit des Berufseinstiegs und der Familienplanung nicht \u00fcberdurchschnittlich zu belasten, soll f\u00fcr diese Gruppe eine niedrigere R\u00fcckzahlungsrate oder eine Stundung festgelegt werden. Alle Schulden die nach einer gewissen Frist nicht bezahlt werden konnten, verfallen.<\/p>\n<p>Das Geld das den Hochschulen in diesem Modell zugeht, ist zweckgebunden und kann nur f\u00fcr die Lehre eingesetzt werden. Gleichzeitig soll \u00fcber neue Formen der staatlichen Hochschulmittelvergabe nachgedacht werden. Beispielsweise kann \u00fcber langfristig festgeschriebene Formeln den Hochschulen eine klare Planungsgrundlage gegeben werden und gleichzeitig wird verhindert, dass ein Finanzminister Bildung nach Haushaltslage macht.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich das vorliegende Modell durchaus als Ausgangspunkt betrachten, denn viele Aspekte sollen soziale Selektion verhindern und die Chancengleichheit f\u00f6rdern. Beispiele aus anderen L\u00e4ndern die \u00e4hnliche Systeme eingef\u00fchrt haben zeigen, dass es sozialvertr\u00e4gliche M\u00f6glichkeiten der Studienfinanzierung gibt. Sicher gibt es viele Aspekte die im Detail ausgearbeitet werden m\u00fcssen, die viel Arbeit und viel Einsatz von allen Beteiligten erfordern. Auch ist nat\u00fcrlich die staatliche Finanzierung auf jeden Fall zu sichern. Studiengeb\u00fchren sind auf keinen Fall per se sozial oder unsozial, das ist stets Sache der Ausgestaltung.<\/p>\n<p>Zentrales Anliegen der Studierenden muss daher sein, an der Entwicklung von Modellen konstruktiv und ohne verh\u00e4rtete Ideologien teilzunehmen. Nur wenn wir selbst auf Probleme und Missst\u00e4nde hinweisen, k\u00f6nnen diese in die Gestaltung einflie\u00dfen. Wir selbst wissen am besten, wo es in der Lehre an Hochschulen \u2013 und an unserer Universit\u00e4t ganz speziell \u2013 hapert. Aber nur wenn wir frei von Vorurteilen am Prozess der Umsetzung mitwirken, k\u00f6nnen wir diesen gro\u00dfen Wissensvorsprung ausspielen und die Welt von morgen aktiv mitgestalten. Unseren Anspruch auf einen weltweiten Spitzenplatz in Bildung und Forschung k\u00f6nnen wir nur mit vereinten Kr\u00e4ften erreichen.<\/p>\n<p><em>Christoph Krammer studiert an der Universit\u00e4t Mannheim Wirtschaftsinformatik im f\u00fcnften Semester. Er ist Mitglied des Fakult\u00e4tsrates der Fakult\u00e4t Mathematik und Informatik und seit einem Jahr bei der Liberalen Hochschulgruppe. Dort hat er das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden f\u00fcr Programmatik.<\/em><\/p>\n<\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Diskussion um die Beteiligung der Studierenden an der Finanzierung des deutschen Hochschulsystems ist wohl so alt wie die knappen Haushalte. Seit Jahren streiten Experten, und solche die es glauben zu sein, darum ob und in welcher Form sich Studenten an ihrer Ausbildung finanziell beteiligen sollen. 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